
»Essais historiques sur la vie de
Marie Antoinette d'Autriche«
(1783)

Obwohl gesetzlich geregelt war, dass eine Königin keine politische Macht besaß, gab es ein ungewöhnlich großes politisches Interesse an Königin Marie Antoinette.
Marie Antoinette war schließlich eine österreichische Erzherzogin, deren Hochzeit mit dem bourbonischen Louis XVI. einen rein diplomatischen Hintergrund hatte und die Allianz zwischen dem HRR und Frankreich stärken sollte.
Umsomehr unterstellte man Marie Antoinette von französischer Seite, sich politisch einzumischen, während man von österreichischer Seite von ihr verlangte, sie solle sich politisch engagieren.
Das öffentliche Interesse an dieser französischen Königin war demnach größer als je zuvor, was sich bereits in frühen Jahren durch das Auftauchen diverser Flugblätter, Schmähschriften und Karikaturen zeigte. Bereits in den späten 70er Jahren, mehr jedoch dann in den 80ern, wurde so der Ruf der Königin nach und nach geschädigt...
Die "Essais historiques sur la vie de Marie Antoinette" wurden erstmals in 1783 veröffentlicht, von der Krone jedoch umgehend beschlagnahmt und vernichtet.
In den darauffolgenden Jahren wurde das Pamphlet allerdings mehrfach heimlich wiederveröffentlicht, bis 1789 schließlich um die 20.000 Exemplare im Umlauf waren.
Das Pamphlet verglich Marie Antoinette mit der im Volk verhassten Comtesse du Barry, der letzten Mätresse von Louis XV. Man unterstrich dies mit dem Hinweis, dass beide - Marie Antoinette und Mme du Barry - eine Vorliebe für nächtliche Spaziergänge im Park von Versailles hatten, die - so der Verfasser - stets in Orgien mit Höflingen aller Geschlechter, aller Ränge und aller Altersgruppen ausarteten.
Hierbei spielte es keine Rolle, ob die Geschichten wahr und unwahr waren. Vielmehr sollte das Pamphlet dazu beitragen, die Auffassung des Volkes, die Monarchie sei physisch, moralisch und politisch heruntergekommen, aufrecht zu halten.

Auszug aus den Essais:
»Die Öffentlichkeit fordert den Helden auf, boshaft zu sein, und den Schlechten, ein Held zu sein. Ebenso verlangt sie von der Tugendhaften, eine Hure zu sein, und die Hure soll sich tugendhaft geben.
So waren die Comtesse du Barry und Marie Antoinette.
Durch ihre zügellosen und rebellischen Ausschweifungen erstaunte die du Barry die Menschheit in den Pariser Gassen und Strassen. Sie befand sich auf sündigen Abwegen.
Die selbe Verkommenheit und leidenschaftliche Zügellosigkeit wurden im Leben der Marie Antoinette beobachtet. Männer, Frauen, alles genau so wie sie es mochte. Sie war mit allem zufrieden. Ihr Ungeschick, ebenso ihre leichtsinnigen Fehler verschafften ihrem Verhalten unfreiwilligerweise die öffentliche Aufmerksamkeit, die die du Barry suchte.
Diese beiden berühmten Frauen waren sich also sehr ähnlich, im Enttäuschen und Erniedrigen derjeniger, denen sie eigentlich Respekt schuldig waren. Die du Barry täuschte Louis XV. bis zu dessen Tod. Sie schlief sowohl mit Kammerdienern, als auch mit Höflingen. Marie Antoinette war Louis XVI. ebenso untreu und täuschte ihn (...)
Marie Antoinette kam 1768 nach Frankreich, um zu heiraten. Diese Hochzeit war die verwunderlichste, die man sich je vorstellen konnte.
Hier ist es erforderlich, über das Leben am Königlichen Hof dieser Zeit zu sprechen. Dies wird die Gründe für diese Hochzeit erklären und auch, warum alles so beschämend endete.
Der Herzog von Choiseul, der als ebenso gut wie Richelieu and Mazarin galt, war wie eine Art Premierminister. Louis XV war der schwächste Mann und der jämmerlichste Prinz des Jahrhunderts. Dieser Herzog also, der ebenso intrigant wie fett war, hatte sich die königliche Gunst durch Ergebung, unterwürfigen Gehorsam und die Vollendung des abscheulichsten politischen Verbrechens erkauft, das man sich je vorstellen konnte. Doch obwohl er mächtig war, fürchtete er die Intrigen der du Barry. Er verachtete sie und beleidigte sie sogar öffentlich.
Die du Barry plante eine Verschwörung. Sie war mächtig und der Herzog hatte Feinde. Er führte einige Reformen durch und war bereits lange Zeit im Amt -- und bei Hofe gab es viele, die einen Wechsel wollten. Letztendlich fürchtete er seinen kommenden Sturz. Es war ganz natürlich, dass er sich nach Schutz umsah. Und so meinte er, diesen in der Organisation der Hochzeit zwischen der hübschen Erzherzogin und dem Dauphin gefunden zu haben (...) Diese Heirat machte den Herzog im Volk verhasst.
Die du Barry war eine viel kritisierte Dirne, weil man in ihr wegen der vielen Ausschweifungen eine Verbrecherin sah. Diese Frau war durchtrieben und arrogant. Sie wollte jeden um sich herum dominieren und sie beabsichtigte, ihre Herrschaft auch auf Marie Antoinette auszuweiten (...) In Anbetracht der Charakterschwäche des Sohnes, konnte sie beurteilen, wie einfach es würde, seinen Geist zu beherrschen. Es war vollbracht. Der Prinz war unterjocht, und Frankreich war auf dem besten Weg, durch den Stolz und den Ehrgeiz dieser beiden Personen zu verfallen (...)
Marie Antoinette hatte die Aufgabe, schwanger zu werden. Dies stellte den wesentlichen Teil der Anweisungen dar, die sie von ihrer Mutter erhielt, als sie Wien verließ. Sie erlaubte ihrem erhabenen Gatten in dieser Hinsicht, jedes verfügbare Mittel zu verwenden: sie waren so unzureichend wie nichtssagend. Also war ein Liebhaber erforderlich. Er sollte attraktiv sein, freundlich und bekennend (...) Jeder diskutierte über diese Schwangerschaft. Die Frauen in ihrer Umgebung verziehen ihr nicht, dass sie einen Geliebten hatte. So waren sie, diese religiösen Frauen.«

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