4-1 Erinnerungen - Abbe Edgeworth

Die letzten Stunden des Königs
~ Erinnerungen des Abbé Edgeworth de Firmont ~

Louis XVI. & der Abbé Edgeworth (Jean-Jacques Hauer)



Monsieur de Malesherbes übermittelte dem Abbé Edgeworth de Firmont die Nachricht, dass König Louis XVI. den Abbé um geistlichen Beistand im Angesicht des Todes bitte.
Am 20.01.1793, gegen 4 Uhr nachmittags wurde der Abbé als Beichtvater S.M. bestätigt und für diesen Auftrag "von höchster Wichtigkeit" in die Tuilerien gebracht, wo der provisorische Exekutivrat tagte.
Die Mitglieder des Rates hätten recht bestürzt gewirkt, teilt der Abbé in seinen Erinnerungen mit.
Auf dem Weg zum Temple begleitete der Justizminister den Abbé und rief nach dem Schließen der Fenster der Kutsche aus:
"Großer Gott ! Was für einen scheußlichen Auftrag habe ich übernommen ! Was für ein Mann ! (> der König)
Welche Ergebenheit, welcher Mut ! Nein, die Natur allein könnte ihm nicht soviel Kraft verleihen; es ist etwas Übermenschliches im Spiel."

Im Temple angekommen, musste der Abbé feststellen, dass hier keinesfalls Bestürzung über das Schicksal des Königs herrscht. Im Gegensatz zu den doch recht gebildeten Ministern des Exekutivrat , waren die Temple-Bewacher rauhe Gestalten der untersten Schichten, einige waren betrunken und scheuten sich nicht, die Königliche Familie zu erniedrigen, sie zu duzen.

Nach einer gründlichen Durchsuchung, wurde der Abbé schließlich zum König gebracht. Dieser hatte soeben erfahren, dass sein Gesuch um Aufschub seiner Hinrichtung um ein paar Tage, abgelehnt wurde.
Im Zimmer des Königs im Temple empfing Louis XVI. den Abbé freundlich und musste mit den Tränen kämpfen - seit langem schon war er nur von Feinden umgeben. An einen treuen Untertanen sei er gar nicht mehr gewöhnt, daher dieser Gefühlsausbruch.
Die beiden zogen sich anschließend ins Kabinett des Königs zurück, um ungestört reden zu können.

Im Kabinett eröffnete der König dem Abbé sein Testament, das er bereits im Dezember verfasst hatte. Gefasst las es der König zweimal vor. Einzig, wenn er die Namen seiner Liebsten aussprach, zitterte des Königs Stimme.

Es folgte ein Gespräch der beiden, bei dem der König den Abbé auch zur aktuellen Situation der Kirche in Frankreich befragte und sich nach dem Wohlergehen einiger ihm bekannter Geistlicher erkundigte. Besonders interessierte S.M. das Schicksal des Erzbischofs von Paris. Er dankte zudem dem englischen Volk für die Güte, allen Emigranten Schutz zu gewähren.
Das Verhalten seines Vetters, dem Duc d'Orléans, hingegen machte dem König schwer zu schaffen, da er sich nicht erklären konnte, weshalb der Herzog ihm so feindlich gesinnt war. Doch schien er ihn eher zu bemitleiden:
"Warum sollte ich ihm böse sein? Er ist mehr zu beklagen als ich."

Das Gespräch mit dem Abbé wurde unterbrochen, als man dem König gestattete, sich von seiner Familie zu verabschieden. Hierzu wurde die Königsfamilie in einem benachbarten Raum versammelt. Das letzte Treffen mit Marie Antoinette, den beiden Kindern und Mme Elisabeth dauerte ca. 1 Stunde. Der Abbé, der im Nachbarzimmer wartete, wurde Hörzeuge einer dramatischen ersten halben Stunde, in der ein herzzerreißendes Jammern und Geschrei aus dem Familienzimmer drang. Während der zweiten halben Stunde war es ruhig, man hatte sich gefasst und verabschiedete sich.

König Louis XVI. versprach der Königin, sie am Folgetag noch einmal zu sehen.
Anschließend begab sich der König zurück zum Abbé, um sich nun dem Seelenheil hinzugeben. Es folgte ein kurzes Gespräch, dann holte Louis' Kammerdiener Cléry ihn zum Abendessen. Das Essen dauerte jedoch nur 5 Minuten.

Der Abbé beschloss schließlich, es zu riskieren, dem König die heilige Kommunion zu ermöglichen. Besorgt um die Folgen, die dieses Vorhaben für den Abbé haben könnte, lehnte der König diesen Dienst ab. Der Abbé ließ sich allerdings nicht davon abbringen und sorgte dafür, dass die Temple-Kommissare ihm diesen Wunsch nicht abschlagen und alles für den Morgen des 21. Januar vorbereiten.
Es war 22:00 Uhr am 20.01.1793.

Tief in der Nacht bat der Abbé den König, dass sich dieser noch ein wenig ausruhen möge. Dem König gelang es sogar, in einen tiefen Schlaf zu fallen.

21.01.1793, 5 Uhr morgens.
König Louis XVI. unterhielt sich nach der gewöhnlich Morgentoilette ca. 1 Stunde mit dem Abbé im Kabinett.

Gegen 6 Uhr morgens nahm der König schließlich die heilige Kommunion - auf dem Boden kniend, ohne Betstuhl und Kissen.
Anschließend zog er sich kurz zum Gebet zurück.

Der Abbé bat den König, sich der Königin nicht noch einmal zu zeigen, da er befürchtete, sie würde diese Prüfung nicht überstehen. Der König sah dies ein und beschloss, seine Frau ein wenig länger auf ein Wiedersehen hoffen zu lassen, anstatt sie augenblicklich ins Unglück zu stürzen.

Zwischen 7 Uhr und 8 Uhr wurde die Unterhaltung des Königs mit dem Abbé immer häufiger durch die Kommissare gestört - man befürchtete, der König würde sich umbringen, um dem Schafott zu entgehen.
S.M. fand dies lächerlich:
"Diese Leute sehen überall Dolche und Gift. Sie fürchten, dass ich mich töte. Ach ! Sie kennen mich schlecht: Das wäre Schwäche. Nein, da es sein muss, werde ich zu sterben wissen."

Als Monsieur Santerre schließlich an die Tür klopfte, war es Zeit für den Aufbruch. Der König schloss die Tür noch einmal und warf sich ein letztes Mal dem Abbé zu Füßen, um ihn um seinen Segen zu bitten.

Beim Verlassen des Zimmers bemerkte der König, dass die Soldaten alle ihre Hüte aufbehielten, also schickte er seinen schluchzenden Kammerdiener Cléry zurück, damit dieser ihm auch seinen Hut bringt.
Einem Mitglied der Commune übergab der König anschließend sein Testament und bat diesen, seine Habseligkeiten seinem treuen Diener Cléry auszuhändigen. Zudem würdigte er Cléry und bat darum, diesen in die Dienste der Königin zu schicken.

Als man den ersten Hof (ehemaliger Garten) des Temples erreichte, blickte der König noch einmal zum Turm hinauf, um seinen Liebsten gedanklich Lebewohl zu sagen.
Im zweiten Hof stand der Henkerswagen, der den König zum Schafott bringen sollte. Der König nahm Platz und liße den Abbé neben sich sitzen.
Während der Fahrt las der Abbé dem König ein wenig aus der Bibel vor.

Durch schärfste Sicherheitsvorkehrungen in der ganzen Stadt wurde verhindert, dass angekündigte Rettungsaktionen durchgeführt werden konnten.
Die Fahrt vom Temple zur Place de la Révolution dauerte fast 2 Stunden. Die zuschauende Menschenmasse war komplett bewaffnet. Den Wagen umringten zahlreiche Soldaten und eine Truppe von Trommlern vor dem Wagen sollte dafür sorgen, dass eventuelle Sympathiebekundungen übertönt wurden.

An der Place de la Révolution herrschte Totenstille. Der Abbé war sich sicher, dass viele Menschen in ihren Häusern trauerten, da keiner an den Fenstern und Türen zu sehen war. Nur die bewaffnete Menschenmenge auf den Straßen wurde Zeuge des bevorstehenden Verbrechens. Der Abbé hielt sie für Schwächlinge, die sich eines Verbrechens schuldig machen, das sie tief im Herzen verabscheuen.

Bevor der König ausstieg, bat er die anwesenden Revolutionäre, dem Abbé kein Leid zuzufügen.
Die drei Henkersknechte, die ihm nach dem Aussteigen den Rock ausziehen wollten, hielt der König zurück und legte seinen Rock selbst ab.
Entsetzen zeigte S.M. nur, als man ihm die Hände fesseln wollte. Laut dem Abbé war dies ein schrecklicher Moment, da sich der König wehren wollte und man ihm nun Gewalt antun wollte, um ihm die Hände zu binden.
Der Abbé sagte daher dem König, der ihn verzweifelt um Rat bat, dass diese Kränkung eine letzte Gemeinsamkeit zwischen S.M. und Christi sei, worauf der König seine Gegenwehr aufgab und sich dem Willen der Henkersknechte fügte.

Auf dem Schafott angekommen, verstummten die 20 Trommler bei einem einzigen Blick, den der König auf sie richtete.
Daraufhin wandte sich der König an die anwesenden Menschen:
"Ich sterbe unschuldig an den Verbrechen, die man mir vorwirft. Ich vergebe den Urhebern meines Todes und bitte Gott, das Blut, das sie vergießen werden, möge niemals über Frankreich kommen."




zum MarieAntoinette-Forum


rechtlicher Hinweis:
Texte (Copyright) © MariaAntonia 2008-2017

Nach oben