
21.04.1770
Kaiserin Maria Theresia an ihre Tochter Maria Antonia

Am Tag der Abreise nach Frankreich überreichte Maria Theresia ihrer Tochter Maria Antonia einen Brief, der diverse Verhaltensvorschriften für das neue Leben der Tochter am Versailler Hof beinhielt.
» Besondere Verhaltensvorschriften.
Übernehmen Sie keine Empfehlungen. Hören Sie auf niemanden, wenn Sie in Ruhe leben wollen.
Seien Sie nicht neugierig; das ist ein Punkt, den ich besonders bei Ihnen befürchte. Vermeiden Sie jede Art von Vertraulichkeit mit kleinen Leuten.
Fragen Sie in allen Fällen Herrn¹ und Frau Noailles², und verlangen Sie es sogar, was Sie tun sollen, da Sie Ausländerin sind und der Nation unbedingt gefallen wollen; verlangen Sie, daß sie Ihnen aufrichtig sagen, ob es irgend etwas in Ihrem Benehmen, in Ihren Reden oder in anderen Punkten zu korrigieren gibt.
Antworten Sie jedermann freundlich, mit Anmut und Würde: wenn Sie wollen, vermögen Sie es.
(...)
Von Straßburg an werden Sie nichts mehr annehmen, ohne vorher Herrn und Frau Noailles um ihre Ansicht zu befragen; und an diese beiden werden Sie alle jene weisen, die Ihnen von ihren Angelegenheiten sprechen werden, wobei Sie ihnen ehrlich sagen werden, daß Sie selbst eine Ausländerin sind und es nicht übernehmen können, jemand dem König zu empfehlen.
Wenn Sie wollen, können Sie, um die Sache energischer zu gestalten, hinzufügen: "Die Kaiserin, meine Mutter, hat mir ausdrücklich verboten, irgendeine Empfehlung zu übernehmen."
Schämen Sie sich nicht, jedermann um Rat zu fragen, und machen Sie nichts nach Ihrem eigenen Kopf.
Es ist für Sie von großem Nutzen, daß Starhemberg³ mit Ihnen die Reise von Straßburg nach Compiègne machen wird. Er ist in Frankreich sehr beliebt und Ihnen sehr zugetan. Sie können ihm alles sagen und alles von seinen Ratschlägen erwarten; er wird überdies acht bis zehn Tage in Versailles bleiben (...) «
¹ Generalfeldmarschall Graf Philipp von Noailles war der französische Bevollmächtigter zur Übernahme der Erzherzogin Maria Antonia
² Die Gräfin von Noailles, seine Gemahlin, war die erste Oberhofmeisterin der Dauphine und wurde von dieser später "Mme Étiquette" genannt
³ Fürst von Starhemberg war der österreichische Gesandte am Hofe Louis' XV.

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