
Madame Royale
Zurück in Frankreich
Napoléons Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig, brachte Marie Thérèses Onkel im April 1814 endlich die Möglichkeit, als Ludwig XVIII. den französischen Thron zu besteigen und die Monarchie der Bourbonen wieder nach Frankreich zu bringen.
Nachdem man ihn am 06.04.1814 als König von Frankreich nach Paris berief, traf Louis XVIII. gemeinsam mit Marie Thérèse am 26. April in Calais ein. Hier betrat die Herzogin erstmals nach vielen Jahren wieder ihr Heimatland, das sie mit schlimmen Erinnerungen verließ.
Bei einem Zwischenstopp im Château de Compiègne (26.04.-03.05.) empfing die Herzogin u.a. den Zaren Alexander I. von Russland, den Prince de Conti und dessen Sohn, den Duc de Bourbon, aber auch ihre Jugendfreundin Pauline de Tourzel, die zwischenzeitlich geheiratet hatte und nun Comtesse de Béarn war. Pauline begleitete die Herzogin später und wurde zu deren Hofdame.
König Louis XVIII. zog am 3. Mai 1814 endlich in Paris ein. Die Familie residierte im Tuilerienpalast und Marie Thérèse übernahm als Erste Frau des Landes eine wichtige politische Rolle an der Seite ihres Onkels.
In Paris verschwendete die Herzogin keine Zeit und ließ zusammen mit ihrem Onkel die Gräber ihrer geliebten Eltern suchen. Am 5. Mai 1814 betrat Marie Thérèse zusammen mit Pauline de Tourzel das Friedhofsgelände der Madeleine-Kirche und besuchte das Grab ihrer Eltern. Die Leichen der beiden wurden exhumiert und am 21.02.1815 in einem feierlichen Zug in der Kathedrale von Saint-Denis beigesetzt.
Endlich konnte die Herzogin auch alte Bekannte wieder empfangen, darunter Madame Campan, die ehemalige Erste Kammerfrau ihrer Mutter, wie auch Renée de Chanterenne und Madame de Soucy, die später ihre Hofdame wurde.
Als Napoleon im Frühjahr 1815 wieder aus seinem Exil zurückkehrte, reiste Marie Thérèse im März 1815 eilig nach Bordeaux, um die französischen Truppen zu mobilisieren. In Bordeaux erließ sie die "Proklamation von Bordeaux".
Ihre Bemühungen brachten jedoch keinen Erfolg gegen die napoleonischen Truppen. In Pauillac ging die Herzogin schließlich am 03.04.1815 an Bord eines Schiffes und floh nach England.
König Louis XVIII. hatte bereits am 20.03.1815 um Mitternacht von Paris aus das Land verlassen.
Am 19.04.1815 erreichte die Herzogin Plymouth in England.
Sie hielt sich anschließend in London und Battersea auf, reiste dann nach Belgien und schloss sich Ende Mai in Gent ihrem Onkel an.
Zurück in England, versuchte Marie Thérèse am 05.06.1815, einen Aufstand gegen Napoléon in der Vendée zu forcieren. Doch die Schlacht von Waterloo am 18.06.1815 kam ihr zuvor und brachte den Bourbonen eine unerwartete Wende: Napoléons Truppen erlitten eine schwere Niederlage, die Napoléon am 22. Juni zur Abdankung zwang. Er selbst wurde auf St. Helena verbannt.
Napoléons sogenannte "Herrschaft der Hundert Tage" war vorüber und in Paris wartete man nun auf den neuerlichen Einzug der Bourbonen.
Marie Thérèse reiste von England aus über Dieppe und Rouen nach Frankreich zurück und zog am 27.07.1815 in Paris ein.
Tags darauf traf der neuerliche König Louis XVIII. ebenfalls in Paris ein.
Marie Thérèse setzte sich für die restlose Wiederherstellung der Monarchie ein und war die mächtige Beraterin ihres Onkels, König Louis XVIII.
Als am Abend des 13. Februars 1820 Charles Ferdinand de Berry - der Bruder von Marie Thérèses Gatten - nach einem Opernbesuch auf offener Straße von Pierre Louis Louvel, einem ehemaligen königlichen Sattler, niedergestochen wurde und etwa 7 Stunden später verstarb, hinterließ er seine Frau Marie Caroline de Bourbon-Deux Siciles, Duchesse de Berry, und seine fünf Monate alte Tochter Louise Marie Thérèse de Bourbon-Artois.
Dass die Duchesse de Berry zu diesem Zeitpunkt wieder schwanger war, war noch nicht bekannt. Sieben Monate nach dem Tod des Herzogs brachte seine Witwe am 29.09.1820 einen Sohn - Henri d'Artois, Comte de Chambord - zur Welt.
Die Herzogin von Angoulême, selbst kinderlos, übernahm die Erziehung der beiden Halbwaisen und bald verband die drei eine innige Zuneigung.
Marie Thérèse glänzte in den folgenden Jahren durch diverse Mildtaten. So wurde sie z.B. in Paris die Patronin der Pflegeanstalt "Marie Thérèse" in der Rue d'Enfer. Ferner unterhielt sie ein Spendenbüro, dessen Einnahmen an Bedürftige verteilt wurde. Sie selbst investierte die Hälfte ihrer staatlichen Jahreseinkünfte in dieses Spendenbüro.
Das Jahr 1823 nutzte die Herzogin für diverse Reisen. U.a. verweilte sie fünf Monate in Bordeaux, reiste im Juli in die Pyrenäen und besuchte im September die Vendée, Anjou, die Unterbretagne, Nantes und Quiberon.
Nach dem Tod von König Louis XVIII. am 16.09.1824 wurde der Comte d'Artois - der Vater von Marie Thérèses Gatten - der Nachfolger des kinderlosen Königs und bestieg als Charles X. den französischen Thron.
Dieser Umstand machte die ehemalige Madame Royale zur Thronfolgerin von Frankreich !
Auch diesem Onkel - und gleichzeitig Schwiegervater - stand die Herzogin von Angoulême als hilfreiche Beraterin zur Seite, wenngleich ihr politischer Einfluss merkbar abnahm.
Im Gegensatz zu seinem Bruder jedoch, verdeutlichte Charles X. mit seinen Handlungen, dass er offensichtlich von der konstitutionellen Monarchie wieder in eine absolute Monarchie wechseln wollte ("Ich würde lieber Holz hacken, als ein König unter den Bedingungen des Königs von England zu sein," soll er gesagt haben).
Es kam zu immer größerer Unzufriedenheit im Volk. Bei der Parade der Nationalgarde im April 1825 wurden die Herzogin von Angoulême und ihre Schwägerin, die Duchesse de Berry, vom Volk auf offener Straße beleidigt und ausgepfiffen.
1830 eskalierte die Situation in Frankreich wieder. Im Juli 1830 brach erneut eine Revolution aus.
Die Königsfamilie, die sich zum Zeitpunkt des Revolutionsausbruchs in Saint-Cloud aufhielt, begab sich zunächst nach Versailles, dann aber versammelte sie sich am 01.08.1830 auf Schloss Rambouillet. Marie Thérèse stieß in Begleitung des Barons Charlet von einer Badekur in Vichy aus zur Königsfamilie hinzu. Auch Pauline de Tourzel eilte nach Rambouillet zu ihrer Herzogin.
Bis auf den König wurde allen schnell klar, dass es keine Rettung der Monarchie gab. Am 02.08.1830 dankte Charles X. jedoch eilig zugusten seines Sohnes Louis Antoine d'Angoulême ab. Dieser dankte daraufhin widerwillig ebenfalls ab - zugunsten seines knapp 10-jährigen Neffen Henri d'Artois, dem Comte de Chambord (Henri V.). Der Herzog Louis Philippe von Orléans sollte vorerst die Regentschaft für den minderjährigen Henri V. übernehmen.
Und so war Marie Thérèses Ehemann, der Herzog von Angoulême, für etwa 20 Minuten theoretisch König von Frankreich - als Louis XIX.
Und für diese 20 Minuten - von Charles Abdankung bis zur Unterzeichnung der Abdankungsurkunde durch ihren Gatten - war Marie Thérèse, Tochter von Louis XVI. und Marie Antoinette, de facto Königin von Frankreich !
Henri d'Artois, zu dessen Gunsten der König und der Dauphin abdankten, wurde jedoch vom Volk als König abgelehnt. Stattdessen ernannte man am 07.08.1830 dessen Regenten, Louis-Philippe aus dem bourbonischen Nebenzweig Orléans, zum König der Franzosen, von Gottes Gnaden und dem Willen des Volkes, auch bekannt als Bürgerkönig.

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