1-03 Chanterenne

Madame Royale
Renée de Chanterenne



Da man die Prinzessin keinesfalls im vorhandenen Zustand auf die Weltbühne lassen wollte, begann der Nationalkonvent nun, sowohl die Manieren, als auch die Psyche der Madame Royale wieder aufzubauen.
Zur Vorbereitung der Haftentlassung lockerte man daher die Haftbedingungen und stellte Marie Thérèse eine Gesellschafterin zur Verfügung: am 20. Juni 1795 suchte die junge Renée de Chanterenne die inhaftierte Prinzessin erstmals im Temple auf und begann mit ihrer Aufgabe der "Wiederherrichtung". Der Gatte der Madame de Chanterenne war zu dieser Zeit ein hoher Geheimpolizist. Es heißt, dass die Chanterenne aus diesem Grund diese wichtige Aufgabe erhielt.

Madame Royale mit Mme de Chanterenne im Temple-Garten (1795, Ward)

Zwischen Renée de Chanterenne und Madame Royale entwickelte sich bald eine innige Freundschaft. Madame de Chanterenne war liebevoll, geduldig und verschwiegen. Sie brachte Marie Thérèse zunächst das Sprechen wieder bei. Anschließend folgten Unterweisungen in Manieren, höfischer Etikette und dem Benehmen als Prinzessin von Frankreich. Vor allem aber die menschliche Nähe und Freundschaft halfen Marie Thérèse über die Schreckenszeit im Temple hinweg.
Madame de Chanterenne informierte die Prinzessin auch über das tragische Schicksal ihrer Familie. Und so erfuhr Marie Thérèse vom Tod all ihrer Liebsten.
Die Prinzessin schien Madame de Chanterenne völlig zu vertrauen, denn bei ihrem Abschied vermachte sie der Freundin ihr Gefängnistagebuch. Dieses sogenannte "Temple-Tagebuch" beendete Madame Royale am 14.10.1795; es enthielt ihre Erinnerungen über die Zeit vom 10.08.1792 bis 08.06.1795.

Seit dem 17. August 1795 erlaubte man Madame Royale zudem, einige Vertraute aus der Vergangenheit im Temple empfangen zu dürfen.
Die erste Besucherin erregte jedoch bald großes Aufsehen. Es handelte sich hierbei um Stephanie-Louise de Montcairzain, die angeblich eine Cousine sei (offenbar eine illegitime Tochter des Prinzen de Conti und der Duchesse de Mazarin). Nach mehreren Bitten erhielt sie plötzlich die Erlaubnis, als Erste die Prinzessin besuchen zu dürfen.
Der erste Besuch erfolgte am 17. August 1795 und bis zum 25. August schaute die Montcairzain nun täglich vorbei. Doch, ebenso schnell wie sie die Erlaubnis bekam, wurde ihr ein weiterer Besuch plötzlich untersagt.
Die Hintergründe wurden nie ganz geklärt.

Ab dem 02.09.1795 besuchten Madame de Tourzel und deren Tochter Pauline die Prinzessin. Beim ersten Besuch durften sie Marie Thérèse noch alleine sehen, später war dann Madame de Chanterenne stets anwesend.
Auch bei den Besuchen von Madame de Mackau (einer ehemaligen Kinderfrau), Madame Laurent (Madame Royales Amme) und Madame de Varennes (ehem. Kammerfrau) war Madame de Chanterenne immer anwesend und berichtete anschließend dem Komitee über die Besuchsabläufe.
Dank der Besuche ihrer lieben Erzieherin Madame de Tourzel konnte Marie Thérèse binnen kürzester Zeit alle Ereignisse seit der Inhaftierung aufholen - aber auch Kontakt zu ihrem Onkel Louis XVIII. aufnehmen. Über Madame de Tourzel fand ein kleiner Briefwechsel statt. Louis XVIII. erfuhr so vom psychischen und physischen Zustand der Nichte und Madame Royale wusste um die Gesinnung der exilierten Verwandten.

Madame Royale im Temple (1795, ´au télescope´, Comte de Paroy)

Zur dieser Zeit schmiedeten Louis XVIII. und die habsburgischen Verwandten in Wien bereits Heiratspläne für die Prinzessin und machten das unwissende Mädchen zum Spielball der Politik. Denn Marie Thérèse war die Alleinerbin des Bourbonen-Vermögens und galt - vor allem in Bezug auf den französischen Königsthron - als eine besonders gute Partie ! Die Diamanten der hingerichteten Königin waren bereits 1791 durch einen gewissen Abbé Louis zum Grafen de Mercy-Argenteau nach Brüssel in Sicherheit gebracht. Der wertvolle Schmuck gelangte später nach Wien und zählte zur Erbschaft der Madame Royale.
Für das österreichische Kaiserhaus ging es ebenfalls nicht um familiäre Bande. Man befand sich schließlich mit Frankreich im Krieg, was nutzte einem da eine bourbonische Prinzessin ?
Kaiser Franz II. dachte jedoch weiter. Könnte er die Prinzessin mit einem österreichischen Erzherzog verheiraten, bestünde die Möglichkeit, über Marie Thérèse an französische Besitztümer zu gelangen.
Aber auch für Louis XVIII. war Marie Thérèse nicht der Menschlichkeit wegen wertvoll. Er plante eine Verheiratung mit seinem Neffen, dem
 Duc d'Angoulême. Dieser war der Sohn des Comte d'Artois, Louis' Bruder und faktisch Thronfolger, denn Louis war kinderlos. Insofern stand der Duc d'Angoulême in der Thronfolge an zweiter Stelle. Und mit der vom Volk inzwischen verehrten Königstochter Marie Thérèse hätte er eine mächtige Sympathieträgerin auf seiner Seite, was der Wiederherstellung einer französischen Monarchie ungemein helfen würde.


 


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