Graf Fersen

Graf von Fersen

(04.09.1755 - 20.06.1810)



»Haltung bewahren und Pflicht erfüllen !«

(Graf Axel von Fersen)



Hans Axel von Fersen war Reichsmarschall von Schweden und damit nach den Mitgliedern des Königshauses der ranghöchste Mann der schwedischen Gesellschaft. Doch war von Fersen weit mehr als der führende Vertreter des schwedischen Adels. Er lebte in einer Epoche, die von revolutionären Umwälzungen geprägt waren. In diesen ungewissen Zeiten war von Fersen ein aristokratischer Akteur. Er nahm im Laufe seines Lebens an drei (!) Revolutionen teil und war weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt - zum einen als Reaktionär verhasst, zum anderen als Held gerühmt.
Und beinahe wäre es ihm gelungen, den Gang der europäischen Geschichte zu verändern...

Die von Fersens waren eine eigensinnige, stolze Adelsfamilie, die ihre Ursprünge in Deutschland haben und aus der Familie der deutschen von Veersens stammen.
Dass Fersens Familie bedeutend und führend war, zeigte sich u.a. in der Tatsache, dass der Bruder des schwedischen Königs um die Hand von Sophie von Fersen anhielt. Befreundet mit dem Königshaus und mit der Aussicht auf die Vorteile, die die neue Stellung der Tochter für die Familie bedeutete, hätte wohl jeder Brautvater sofort zugestimmt. Nicht jedoch der stolze Graf Frederik Axel von Fersen, Feldmarschall Schwedens und Held des Siebenjährigen Krieges ! Er lehnt unmissverständlich ab.
Frederik Axel von Fersen (1719-1794) war das Oberhaupt der einflussreichsten Familie Schwedens, ein mächtiger Politiker und unermesslich reich. Sein Stolz verbot ihm, seine wertvolle Tochter mit einem unreifen, wenig intelligenten Prinzen zu vermählen... Er konnte es sich leisten, den königlichen Bräutigam abblitzen zu lassen, groß genug waren seine Verdienste für die schwedische Krone.

Hans Axel von Fersen als Kind

In diese, von Selbstbewusstsein und Stolz strotzende Familie wurde am 04.09.1755 Hans Axel von Fersen hineingeboren.
Seine Erziehung war darauf abgezielt, ihn zu einem würdigen Träger des großen Namens "von Fersen" zu machen. Keinesfalls nur, um der Krone zu dienen, sondern vor allem, um dem Land und der Gerechtigkeit zu dienen. Von Fersen wurde dahingehend erzogen, das Unrecht zu bekämpfen, selbst wenn es von einer Königskrone ausginge.
Schwerpunkt seines Unterrichts war Frankreichs Kultur. Der Vater sah sich stets als engster schwedischer Verbündeter Frankreichs und war voller Hingabe für dieses Land - sein Sohn sollte ihm hierin folgen.

Frankreich bestimmt sein Schicksal

»le Beau suedois«

Mit 14 Jahren begab sich Axel von Fersen auf eine ausgedehnte Reise quer durch Europa. Im Gepäck hatte er sein Tagebuch, in welchem er über die Dauer von 38 Jahren seine Eindrücke von einem Europa schilderte, das sich im Aufbruch befand.

Er bereiste zu Beginn den Braunschweiger Fürstenhof und erhielt dort Privatunterricht. Weiter führte ihn seine Reise in die Schweiz und nach Italien.

Im Herbst 1773 erreichte der das Land, das ihm zweite Heimat und Schicksal zugleich wurde: Frankreich.
Hier schloss von Fersen seine militärische Ausbildung ab und wurde in das Hofleben eingeführt. Seine schöne Statur, die stolze und charmante Art sowie seine wache Intelligenz unterschieden den jungen Edelmann vom Großteil der Höflinge.
Auf einem Maskenball in Paris lernte er schließlich Frankreichs Kronprinzessin Marie Antoinette kennen - wenige Wochen später bestieg diese an der Seite ihres Gemahls Louis XVI. den französischen Thron.

London war die letzte Station des Grafen. Durch seine Erfahrungen in Frankreich stellte er schnell erhebliche Unterschiede zwischen England und Frankreich fest. Neben dem recht langweiligen englischen Hofleben, fiel ihm vor allem das starke Selbstbewußtsein der englischen Bevölkerung auf. Der König wurde hier keinesfalls grundsätzlich als solcher respektiert. So konnte es vorkommen, dass einfache Bürger dem vorbeifahrenden König zuriefen, er möge auf seinen Kopf achten.
Von Fersen war erstaunt über dieses gefährliche Selbstbewusstsein und dass solche Aktionen ungestraft blieben.
Dass sich der Graf in London aufhielt, hatte nicht nur lehrhafte Gründe. Sein Vater hatte für ihn die Verbindung zu der Tochter einer der reichsten Familien Englands eingefädelt. Zu einer Verlobung kam es jedoch nicht: die Auserwählte hielt den Gedanken für unerträglich, in Schweden, wo es im Winter kaum richtig hell wird, leben zu müssen. Und so lehnte die junge Dame die Brautwerbung ab - eine herbe Enttäuschung für den charmanten Axel von Fersen. Vorübergehend verlor er seine ihm angeborene Selbstsicherheit...

Zurück in der Heimat, zog es Axel von Fersen innerlich rasch wieder nach Frankreich und so begab er sich erneut in die zweite Heimat, wo er einige Jahre verweilen sollte. In Frankreich hatte von Fersen ein Offizierspatent im Königlichen Schwedischen Regiment (Regiment Royal Suedois) inne. Hier ist zu erwähnen, dass es seit über einem Jahrhundert für die Söhne schwedischer Adelshäuser Tradition war, im französischen Heer zu dienen.

 

Während dieses zweiten Aufenthalts in Frankreich entwickelte sich auch eine enge Bindung und Vertrautheit zur französischen Königin Marie Antoinette, die ihn liebevoll "ihren schönen Schweden" nannte. Von Fersen war nun ständiger Gast im Petit Trianon, dem privaten Lustschlösschen der Königin.
Diese Freundschaft wurde im Laufe der Zeit beiden zum Verhängnis. Sowohl die Königin als Österreicherin, als auch von Fersen als Schwede waren Fremde in diesem Land. Marie Antoinette legte zwar alles Österreichische ab und gab sich Mühe, eine Französin zu sein, doch in den Augen des Volkes und des Hofes blieb sie stets »l'Autrichienne«. Und Graf von Fersen war der gutaussehende Ausländer, der das Vertrauen der Königin genoss - eine Sache, die mit viel Missgunst betrachtet wurde.
Doch genau diese ihnen zugewiesene Abseitsposition bildete in einer Umgebung aus Intrigen, Klatsch und Tratsch die Grundlage für ein tiefes Vertrauensverhältnis - Graf von Fersen wurde zu einem der wenigen Menschen am französischen Hof, denen die Königin bedenkenlos ihr Herz ausschütten konnte. Niemals würde er sie verraten, von Fersens weiterer Lebenslauf sollte dies deutlich zeigen...

Das Glück einer solchen Freundschaft schien man Marie Antoinette allerdings nicht zu gönnen. Der gelangweilte Hof bekam endlich wieder Zündstoff - und so entstanden die wildesten Gerüchte über die beiden, von Intimitäten über Ehebruch bis hin zum angeblich nicht-ehelichen zweiten Sohn der Königin.
Unglücklicherweise war die Zeit des Respekt vor der Monarchie längst vorbei. Der Klatsch erfolgte nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern wurde offen verbreitet und drang vom königlichen Hof bis in die niedrigsten Volksschichten hinab.

Graf von Fersen bemerkte die Gefahr für den Ruf der Königin. Um keinen Preis wollte er dieser Freundin schaden. Deshalb entschloss er sich, Frankreich erneut zu verlassen. Um zu vergessen, was nicht zu vergessen war, begab er sich 1779 nach Amerika und unterstützte an der Seite der Franzosen den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.

Amerika ~ die erste Revolution

Graf von Fersen erlangte Ruhm und Ehre in diesem Krieg, vor allem 1781 bei der Belagerung Yorktowns. 1785 wurde er zum "Colonel propriétaire" des Königlichen Schwedischen Regiments befördert.

In Amerika erlebte der Graf seine erste Revolution - zwei weitere sollten noch folgen.
Bedeutend war diese Revolution jedoch auch für die kommende zweite Revolution seines Lebens: amerikanische Bürger begannen einen Aufstand gegen ihren König im Mutterland England und sagten sich erfolgreich von dessen Macht los.
Hier in Amerika bekam von Fersen zudem die Möglichkeit, das einfache Volk kennen zu lernen. Als höchster Adliger Schwedens lebte er bislang standesgemäß. In Amerika jedoch (speziell in Newport, Rhode Island) wohnte er mehrere Monate im Haus einfacher Bürger. Dem stolzen Grafen gelang es zwar nicht, sämtliche ihm anerzogenen Standesvorurteile abzulegen. Doch war er lernfähig und stellte schnell fest, dass die ihm bisher bekannte Ständeordnung nicht unbedingt erforderlich war, um ein Volk glücklich zu wissen. Amerika war das erschreckend beste Beispiel für eine gut funktionierende Gesellschaft, die vom Mittelstand geprägt war und... ohne König und Adel überleben konnte !

 

Die errungenen Siege begeisterten den zurückhaltenden Adligen. Er kam nach Amerika, um militärische Erfahrungen zu sammeln. Diese Erwartungen wurden nun weit übertroffen: Graf von Fersen wurde Teil eines erfolgreichen Freiheitskampfes und eines der größten Ereignisse der Geschichte !
Von Fersen ließ sich spätestens seit der Belagerung Yorktowns mitreißen von den Idealen der neuen Ära und berichtete begeistert seinem Vater davon.

Von Graf von Fersens Teilnahme am Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg an vorderster Front zeugt übrigens das Gemälde »Surrender of Lord Cornwallis« (von Trumbull) - von Fersen ist hier zu Pferde in der zweiten Reihe hinter George Washington zu sehen:

"Surrender of Lord Cornwallis", Yorktown 1781 (1817, John Trumbull)
links: die französischen Offiziere; rechts: die amerikanischen Offiziere;
in der Mitte (auf dem weißen Pferd sitzend): Benjamin Lincoln; rechts im
Hintergrund (auf dem braunen Pferd, vor der amerikanischen Flagge): George Washington;
in der zweiten Reihe dahinter: Graf Axel von Fersen


Bildausschnitt mit George Washington und Graf von Fersen

Die Königin... sein Lebensinhalt !

»Feige, wer sie im Stich lässt !«

Nach dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kehrte Graf von Fersen nur für kurze Zeit nach Schweden zurück - nicht Schweden, sondern Frankreich war längst die geliebte Heimat geworden. Und dessen Königin erwartete ihn bereits.
Die Briefe von Fersens an seine Schwester Sophie sind voller Bewunderung und Verehrung für die französische Königin. Er schwärmte unentwegt von ihrer Anmut und Würde; sie sei ein "Engel an Güte, heldenmutig in ihrer Empfindsamkeit".
Bedauerlich, dass die Franzosen selbst nicht so gut von ihrer Königin dachten. Die Gerüchteküche brodelte und wurde sogar von Nahestehenden Marie Antoinettes geschürt - es heißt, dass ihr Schwager, der Comte de Provence, eine heimliche Druckerei führte und Schmähschriften verbreitete.
Im ganzen Land wurde getuschelt und darüber spekuliert, ob der Schwede der Liebhaber der Königin sei.
Beweise gibt es keine, Gerüchte viele. Die enge Freundschaft der beiden hielt jedenfalls bis zum blutigen Ende...

Merkwürdig in der Geschichte um die Königin und den Grafen sind die Vorkommnisse zwischen Sommer 1784 und März 1785:
Im Sommer des Jahres 1784 besuchte Schwedens König Gustav III. das französische Königspaar in Versailles - zur Begleitung des Schwedenkönigs gehörte natürlich auch Axel von Fersen.
Marie Antoinette gab für die Gäste am 21.06.1784 im Park von Trianon nahe dem Liebestempel ein rauschendes Fest - für dessen kostspieligen Umfang ihr Ruf im Volk weiter sank.


"Fête donnée au Petit Trianon le lundi 21 juin 1784 en l'honneur
du roi de Suède Gustave III."
(1784, Niklas Lafrensen der Jüngere)

Dass die Königin genau 9 Monate später, am 27.03.1785, ihren zweiten Sohn - Louis Charles - zur Welt brachte, war für ihre Gegner Grund genug, das Gerücht zu verbreiten, der Junge sei nicht der Sohn des Königs.
Weitere Hinweise wurden gesucht... und gefunden: Louis Charles erhielt den Titel "Duc de Normandie", war doch die Normandie genau der Teil Frankreichs, in dem sich im Mittelalter Skandinavier niederließen.
Besonders verdächtig jedoch wurde die Reaktion des Königs zur Geburt des Jungen eingeschätzt: Louis XVI. erwähnte in seinem Tagebuch, dass "die Königin (...) um halb acht mit dem Herzog der Normandie niedergekommen" sei und "alles (...) wie bei der Geburt [seines] Sohnes" verlief...

Ende der 80er Jahre ging die Ära des ancien regime zuende. Im von wirtschaftlichen Krisen und schlimmen sozialen Mißständen erschütterten Frankreich brodelte ein Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch stand.
Graf von Fersen wusste, dass Reformen notwendig waren und begrüßte die Einberufung der Generalstände. Eine Erleichterung für den dritten Stand schien in Aussicht.
Im Sommer 1789 explodierte die Wut des Volkes. Paris lehnte sich auf, Gewalt und Ohnmacht lähmten die Stadt - die Französische Revolution brach aus.
Es war die zweite Revolution, die Graf von Fersen erlebte - und ihre Grausamkeit erschütterte ihn.
Die Revolution machte die geliebte Freundin binnen weniger Wochen zur Gefangenen eines unberechenbaren Volkszorns. Im Oktober 1789 wurde die Königliche Familie gezwungen, Versailles zu verlassen und nach Paris in die Tuilerien zu ziehen. Die absolute Macht des französischen Königs war durchbrochen.

Um das befreundete Königspaar zu unterstützen, ernannte Schwedens König Gustav III. seinen Vertrauten Graf von Fersen zum Geheimagenten der schwedischen Regierung. Von Fersen sollte die Geschehnisse in Frankreich beobachten und nach Schweden berichten. Gustav III. sah sich bereits an der Spitze der europäischen Restauration, gemeinsam mit Europas Monarchen gegen die Revolution in Frankreich. Um diesem Vorhaben Legalität zu verschaffen, musste das französische Königspaar befreit werden.

Fersens Hotel in Paris
Graf von Fersens Unterkunft in Paris in der Rue Matignon ab
Herbst 1789; von hier aus plante er die Flucht der Königsfamilie

Kein anderer als Graf von Fersen war geeigneter für die Umsetzung. Unermüdlich bereitete er die Flucht der Königsfamilie vor. Monatelang setzte er sich der Gefahr der Aufdeckung aus, schleuste chiffrierte Briefe in die Tuilerien, ließ Pässe fälschen und Unmengen von Geld auftreiben, bis endlich der genaue Fluchtplan feststand:

Eine sechsspännige Kutsche, die auf den Namen der russischen Baronesse von Korff erworben wurde, sollte als Fluchtwagen dienen - die Kutsche einer Ausländerin, so hoffte von Fersen, werde man weniger kontrollieren. Um kein Aufsehen zu erregen, parkte er die Kutsche einige Zeit auf seinem Hotelhof, damit man sich an deren Anblick gewöhnte.
Mme de Tourzel, die Gouvernante der Königskinder, sollte die Baronesse von Korff mimen, Marie Antoiaette bekam die Rolle der Gouvernante zugewiesen, der König die des Dieners der Baronesse. Die Königskinder - Louis Charles und Mme Royale - spielten die beiden "Töchter" der Baronesse.
Nach einer zeitlichen Verzögerung wurde die Flucht für die Nacht vom 20. zum 21.06.1791 festgesetzt.
Ziel der Flucht war Frankreichs Osten, wo königstreue Truppen auf die Kutsche warteten. Im Anschluss sollte es weiter nach Aachen gehen - König Gustav III., der sich unter dem Vorwand einer Kur in Aachen aufhielt, erwartete das Königspaar dort.
Graf von Fersen selbst verkleidete sich als Kutscher und wartete am späten Abend des 20.06. mit der Fluchtkutsche vor einem Seiteneingang der Tuilerien. Beinahe wäre die Flucht entdeckt worden, als General Lafayette mit der Nationalgarde die Gegend überprüfte.

Die Zeit wurde den Flüchtigen letztendlich zum Verhängnis. Die Kutsche fuhr erst kurz vor 1 Uhr nachts, also 1 ½ Stunden später als vorgesehen, ab. Graf von Fersen drängte zur Eile und beschloss, bis zum erreichten Zielort die Kutsche selbst zu führen. König Louis XVI. hielt dies für zu gefährlich - wusste er doch um die treuen Dienste des Schweden und wollte diesen lieber in Sicherheit wissen.
Eine fatale Entscheidung... so übernahm ein einfacher Kutscher die Weiterfahrt. Vielleicht wäre die Flucht geglückt, wenn Graf von Fersen diese weiter begleitet hätte.
Nahe Bondy, nicht weit von Paris, erfolgte der erste Pferdewechsel. Hier verabschiedete sich von Fersen betrübt von seinen Schützlingen. Eine erste große Hürde war dank ihm geschafft: die Königsfamilie konnte unbemerkt aus dem gut bewachten Paris fliehen.
Von Fersens Plan sah weiter vor, dass die Königliche Familie an diversen Zwischenstopps von treuen Royalisten mit neuen Pferden ausgestattet würden. Ohne weitere Zeitverzögerungen dürfte der Rettung nichts mehr im Wege stehen.

Und so verließ von Fersen Marie Antoinette und ihre Familie. Während diese weiter Richtung Osten fuhren, brach der Graf nach Norden auf.
Tags darauf, am 22.06., erreichte er das belgische Mons. Eine Gruppe französischer Exilanten (u.a. auch der Comte de Provence, der Bruder des Königs) erwartete ihn dort bereits im Gasthaus "La Femme Sauvage". Seine Ankunft wurde bejubelt, denn man sah die Königliche Flucht als geglückt an.

Es dauerte nicht lange, da erfuhr man jedoch vom großen Unglück der Königsfamilie: die Flucht endete in Varennes, die königliche Familie wurde erkannt und festgesetzt !
Der so gut durchdachte Zeitplan hatte eines nicht berücksichtigt: die Kutsche war schwerer als gedacht und dadurch langsamer. Das sorgfältig berechnete Versorgungssystem der diversen Zwischenstopps brach zusammen.
In Sainte-Menehould erkannte schließlich der 28jährige Postmeister Drouet, ein glühender Revolutionär, den König und alarmierte sofort die Nachbarstadt Varennes. Dort stoppte man schließlich die Fluchtkutsche.

»Die ich so geliebt habe (...), ist nicht mehr.«

Man kann sich die Enttäuschung und Wut des Grafen vorstellen. Er konnte es sich nicht verzeihen, die geliebte Freundin verlassen zu haben. Zudem war es für ihn nun umso gefährlicher, nach Frankreich zu reisen - als Drahtzieher der Königlichen Flucht galt er von nun an als Frankreichs Staatsfeind Nummer 1 !
Doch von Fersen gab nicht auf und plante weiter eifrig, die Königin zu retten.
Im August 1791 schickte Gustav III. ihn nach Österreich zu Kaiser Leopold II., Marie Antoinettes Bruder, um diesen um Unterstützung und Hilfe für die französische Königsfamilie zu bitten - nahezu erfolglos! Der Kaiserliche Hof stellte zwar militärische Hilfe in Aussicht, schien jedoch nicht wirklich zu beabsichtigen, in das Geschehen einzugreifen. Konkrete Vorkehrungen wurde jedenfalls nicht getroffen.

Graf von Fersen gelang es im Winter 1792, unter größter Lebensgefahr, unerkannt zu Marie Antoinette zu gelangen: verkleidet und mit gefälschten Papieren eines Generalbevollmächtigten Portugals erschien er am 13.02.1792 in den Tuilerien und traf dort am Abend auf die Königin.
Am 14.02.1792 verweilte er von 18 Uhr bis zum kommenden Morgen, gegen 6 Uhr, bei der Königsfamilie.
Und auch ein drittes Mal gelang ihm der Besuch in den Tuilerien: am Nachmittag des 21.02.1792. Er blieb bis Mitternacht und verabschiedete sich dann. Am 27.02. erreichte er schließlich Brüssel und war wieder in Sicherheit.
Der Abschied vom 21.02.1791 war ein Abschied für immer.
Nur wenige Monate später wurde die Königsfamilie in den Temple überführt. Es folgte der Prozess gegen den König. Louis XVI. wurde zum Tode verurteilt und am 21.01.1793 hingerichtet.
Zehn Monate später folgte Königin Marie Antoinette ihrem Ehemann, sie starb am 16.10.1793 unter der Guillotine.

Graf von Fersen litt Qualen, als er vom Tod der Königin erfuhr:

»Ich habe alles verloren, was ich auf der Welt gehabt habe.
Die ich so geliebt habe, für die ich tausend Leben gegeben hätte, ist nicht mehr.
Ich lebe nicht mehr. Der Schmerz ist unerträglich.«

(von Fersen in einem Brief an seine Schwester)

Graf von Fersen war nun ein gebrochener Mann. Er irrte für einige Jahre durch ein Europa, das von Kriegen zerrüttet war. Diverse Liebschaften brachten ihm nicht die Wärme, die er nur für die Eine empfand.
Mit dem Tod Marie Antoinettes verlor er die zweite Vertrauensperson - bereits 1792 musste er diesen Schmerz spüren, als sein König und Freund, Gustav III., am 29.03.1792 einem Attentat zum Opfer fiel.
Am 08.06.1795 starb nun auch noch der kleine Sohn Marie Antoinettes - Louis Charles bzw. Louis XVII. - auf mysteriöse Weise. Man munkelte ja bereits, dass der Junge ein Sohn des Grafen von Fersen sei und nicht das eheliche Kind von Marie Antoinette und Louis XVI. Louis Charles habe dem Grafen zudem sehr ähnlich gesehen.
Was mit dem Eintreffen der Nachricht vom Tod des Jungen in Graf von Fersen vorging, wie sehr er darunter litt, werden wir wohl nicht mehr erfahren...

Die dritte Revolution

Nach und nach gelang es Graf von Fersen, sein Leben zu ordnen, sich wieder auf seine Prinzipien zu besinnen.
Der Nachfolger Gustavs III. - dessen Sohn Gustav IV. Adolf  - ernannte den Grafen 1797 zum Botschafter auf dem Friedenskongress von Rastatt. Diese Wahl war offenbar nicht gut durchdacht, denn auf dem Kongress kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Graf von Fersen und Napoléon, dem mächtigen Sieger des Krieges. Napoléon empfand es im Namen der Republik als schlimme Beleidigung, dass man ausgerechnet den Royalisten und in Frankreich geächteten Grafen von Fersen zum Friedenskongress sandte. Und so standen sich der große, schlanke Schwede und der weit kleinere Korse gegenüber - im direkten Vergleich eine herbe Niederlage für Napoléon, der wahrlich einem Zwerg glich !
Graf von Fersen wurde von der Mission zurückgezogen und reiste mit einer gewissen Genugtuung, Napoléon blamiert zu haben, ab.

Nach seiner Rückkehr nach Schweden stürzte sich von Fersen wieder voll und ganz in die Arbeit, übernahm diverse Regierungsämter und erreichte schließlich 1801 das höchste Amt: das des Reichsmarschalls.

 

Nun durchlebte auch Schweden eine Revolution - eine unblutige. Es war von Fersens dritte Revolution, doch diesmal gab es für ihn keinen Grund, sich ihr entgegen zu stellen. Im Gegenteil, er sah sogar ihre dringende Notwendigkeit: König Gustav IV. Adolf, dessen Vater ihm ein so geliebter Freund war, verfiel mehr und mehr dem Schwachsinn und stürzte Schweden mit unnötigen Kriegen ins Chaos.
Hier zog von Fersens Erziehung, immer der Gerechtigkeit zu dienen und das Unrecht zu bekämpfen, selbst wenn das Unrecht eine königliche Handschrift trägt. König Gustav IV. Adolf wurde also abgesetzt und außer Landes gebracht.
Schweden profitierte davon und erhielt eine moderne Verfassung, die bis heute ihre Gültigkeit behält.

Karl XIII., ein Bruder Gustavs III., wurde neuer König von Schweden. Er war ein erklärter Feind Fersens, beließ diesen jedoch im Amt des Reichsmarschalls.
Der alternde König war kinderlos - ein Thronfolger fehlte damit - und so adoptierte Karl XIII. im Jahre 1809 den ihm verwandten dänischen Prinzen Kristian August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Dieser änderte den Schweden zuliebe seinen Namen in "Karl August" - der Name "Kristian" war den Schweden verhasst - und erwarb sich rasch die Sympathie des schwedischen Volkes.

Der 28.05.1810 sollte schließlich das Schicksal des Grafen von Fersen besiegeln:
Der beliebte Kronprinz Karl August erlitt bei einem Ausritt in der Nähe Hälsingborgs (wahrscheinlich) einen Schlaganfall und stürzte vom Pferd !
Der schnell eintretende Tod Karl Augusts führte sofort zu der Vermutung, er sei vergiftet worden. Schuldige fand man schnell: den verbitterten Grafen von Fersen und dessen Schwester Sophie Piper (geborene Sophie von Fersen).
Obwohl von Fersen zum Todeszeitpunkt des Kronprinzen weit entfernt vom Ort des Geschehens war und faktisch nicht in der Lage war, Karl August zu vergiften - die Obduktion schloss eine Vergiftung sogar aus - , hielt sich das Gerücht weiter und brachte von Fersen in Lebensgefahr.

Ganz offensichtlich waren höhere Herren darauf aus, Graf von Fersen zu vernichten.
Der Graf selbst schlug alle Warnungen in den Wind - seine Pflichten zu erfüllen, war ihm das oberste Gebot - und beharrte darauf, seinem Amt als Reichsmarschall entsprechend, den Leichenzug für den verstorbenen Kronprinzen anzuführen.

In Stockholm brodelte es derweil. Gewalt gegen von Fersen wurde offen angekündigt, doch nichts brachte den Grafen von seinem Weg ab.
Ob diese leichtsinnige Einstellung mit dem Datum des Leichenzugs zusammenhing ? Die Prozession war für den 20.06.1810 angesetzt - auf den Tag genau 19 Jahre nach dem Beginn der von ihm geplanten Flucht der französischen Königsfamilie...

Ein Volk richtet den Helden...

Es kam, wie vorhergesagt. Der Trauerzug vom 20.06.1810 wurde in der Stockholmer Altstadt von den Volksmassen gestoppt.
Was dann geschah, entsetzte und lähmte ganz Schweden:

Niemand interessierte sich für den eigentlichen Mittelpunkt des Trauerzugs: Karl Augusts Leichenwagen. Ziel des Volkszorns war vielmehr der Mann, der sich in der Kutsche direkt davor befand.
Der erste Stein traf das Fenster der Kutsche und zerschmetterte es. Weitere Wurfgeschosse folgten, zerstörten das prächtige Wappen der Kutsche. Der Kutscher selbst wurde ebenfalls von Steinen getroffen, konnte sich aber halten und die Kutsche weiter lenken.
Schließlich gab es jedoch kein Entrinnen mehr: die Kutsche bog in der Altstadt in die enge Straße Stora Nygatan ein und war nun von einer bedrohlichen Menschenmenge umgeben. Wie wildes Getier, berauscht von Gewalt und Übermacht, schlugen die Massen auf den Wagen ein, wurden immer aggressiver und schrieen: "Tod dem Halunken !"
Graf von Fersen, der sich im Innern der Kutsche befand - sein Gesicht war bereits blutverschmiert - , zeigte keine Regung. Stolz wie eh und je saß er da, unbeeindruckt und kalt.

Während nur wenige Meter entfernt 200 bewaffnete Männer der Leibgarde zusahen, ohne einzugreifen, zerrte das Volk den Grafen aus der Kutsche, hackte mit Stöcken und Regenschirmen auf ihn ein.
Am Ende seiner Kräfte - blutüberströmt, ein Ohr wurde abgerissen, der Magen aufgeschlitzt -  flehte der Geschändete um Gnade, die man ihm nicht gewährte. Stattdessen schlug man weiter auf ihn ein, bis er bewusstlos war, und stach ihm die Augen aus. Einer dieser Wilden sprang schließlich mit aller Kraft auf den Grafen und zertrümmerte ihm den Brustkorb...

Graf von Fersen wird 1810 vom wütenden Volk gemeuchelt

Im Dezember 1810 wurde Graf Hans Axel von Fersen in der Riddarholmkirche unter allen erdenklichen Ehrenbezeugungen aufgebahrt und zu seiner letzten Ruhestätte auf seinem Gut bei Löfstad überführt.



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